Dörr SnapShot PRO aka Boly SG560P

2012-04-15 by Thomas Lotterer

Zur Baustellenüberwachung und Fortschrittsdokumentation suchte ich eine geeignete Kamera für den Langzeit- und Offline-Betrieb im Freien. Alle Anforderungen scheinen mit Wildkameras abdeckbar, die als Fotofalle zur Beobachtung im Revier erdacht wurden.

Die Dörr GmbH aus dem deutschen Neu-Ulm wird weitläufig als Hersteller diverser Wild-Überwachungskameras der Modellreihe “Boly Guard” gehandelt. Wie sich nach dem Kauf zeigte, importiert sie vermutlich die “Hunting camera” Modelle der Boly Media Communications aus dem chinesischen Hong Kong.

Die Auswahl des richtigen Modells erinnert an den Turmbau zu Babel. Die Modellbezeichnungen des Herstellers lassen eine Systematik in der “Camera Selection Guide” erkennen. Die Vorgängerserie zu “Boly Guard” hieß wohl “Scout guard”, weshalb alle Modelle mit SG beginnen. Danach kommt eine dreistellige Zahl, von der die erste Ziffer die Pixelanzahl des Sensors angibt, heute allesamt 3er oder 5er. Die folgenden beiden Ziffern vermag ich nicht zu interpretieren. Anschließend kommt bei manchen Modellen noch ein Buchstabe, der wohl Varianten bezeichnet z.B. “P” für Pro/ Professional oder “D” für Dual-Flash. In der Tabelle erscheint manchmal noch ein Suffix wie 5er Modelle mit einem -8M, was auf eine 8 Megapixel Kamera mit interpolierter Auflösung von realen 5 Megapixeln hindeutet. So weit immerhin in Teilen selbsterklärend.

Bei der Grenzüberschreitung jedoch fängt das Unheil an. Der Importeur nennt die Serie “Wild-Überwachungskamera” mit Leistungsmerkmal “Wildkamera” aber teilweise auch “Wildkamera BolyGuard”. Es gibt aber auch eine Serie “Boly Guard” mit Leistungsmermal “Wildkamera BolyGuard”. Dörr verweist selbst auf die wohl vertriebsunterstützende Wildkamera Site, welche die (vielleicht!?) selben Geräte/-varianten “SnapShot”, “SnapShot PRO”, “SnapShot MINI”, “SnapShot EXTRA” und “SnapShot MOBIL” nennt und in die Modellbezeichnung weitere Eigenschaften wie “IR”, “Dual Light” oder “Camo” (Camouflage Tarnfarbe) aufnimmt. Dieses Durcheinander ist kaum zu überblicken. Es lässt sich auch nicht durch Suche bzw. Verwendung der Originalherstellerbezeichnung, Originalimporteurartikelnummer oder die akribisch geheim gehaltene EAN auflösen. Erschwerend hinzu kommt noch, dass die Wildkamera Website entscheidende Textpassagen als Grafik darstellt, was eine Suche oder copy&paste unmöglich macht.

Vor lauter Begriffswirrwarr ist mir beim ersten Anlauf ein Fehler unterlaufen. Gesucht war “Dörr SnapShot PRO 5.0 MP IR“. Gefunden und bestellt habe ich eine “Snapshot 5.0 MP IR camouflage Monitor Wildkamera (204371)“. Geliefert wurde “eine DÖRR BolyGuard 5.0 IR”. Also zurück.

Beim zweiten Anlauf eine “Dörr SnapShot Pro Überwachungskamera (5 Megapixels, 5,1 cm (2 Zoll) Display), IR Blitz und Bewegungsmelder wetterfestes Gehäuse)” gekauft. Das war dann die richtige: SG560P. Wow!

Die Inbetriebnahme war anfänglich keine Freude. Man benötigt acht AA Batterien. Das war vorher bekannt. Mechanisch sind immer zwei in einer Halbröhre untergebracht. Die Batterien von meinem ersten Satz waren trotz richtiger Spezifikation AA zu dünn – nein, es waren keine AAA! Die Würmchen hielten nicht fest genug und sind immer wieder raus gefallen. Kein guter Start, wenn schon das Batteriefach reklamationsgefährlich ist. Nochmal einen Satz Batterien von einem anderen Hersteller geholt. Passt und hält.

Immerhin ist die Zusammenarbeit zwischen Boly und Dörr so weit gediegen, dass sich die Kamera beim Einschalten mit “Dörr” meldet. Für eine Übersetzung der englischsprachigen Menüs und des Handbuchs hat es nicht gereicht. Beides kann man verschmerzen.

Die Komplexität der Menüstruktur ist gering. Eine Liste mit ca. einem Dutzend Einträgen mit maximal einem Unterpunkt. Was in Anbetracht der Leistungsmerkmale ein Kunststück ist, denn das Marketing hat für das Gerät mehr Punkte auf der Featureliste als später im Menü zu sehen sind. Man hat die Einstellmöglichkeiten auf das absolute Minimum reduziert. Der Rest geht automatisch. Und das ist ganz gut so.

Handbuch. Das englischsprachige Manual enthält oberflächliche Informationen. Die üblichen Sicherheits- und Batterieentsorgungs- und Impressumshinweise und leere Stellen für eigene Notizen werden oftmals ergänzt von inhaltsleeren Aussagen wie “Menüpunkt Foo mit Wahlmöglichkeit 1, 2, 3 dient zur Einstellung von Foo. Wählen Sie aus 1, 2 oder 3″. Ja, wer hätte das gedacht – nur was “Foo” ist und was bei 1, 2 oder 3 passiert wird wenig ausführlich, wenn überhaupt, und dann noch falsch bzw. verwirrend, erklärt. Der Importeur Dörr hat netter Weise eine deutsche Kurzanleitung beigelegt, die zwar leider unvollständig in Details ist, aber das meiste steht drin, ist sinnvoll und stimmt. Pluspunkt!

Einssatzzweck. Leider hat sich die Marketingabteilung bei der Featureliste weit aus dem Fenster gelehnt. Die Kamera kann zwar alles, was angepriesen wird – aber, wie so oft, nicht alles in der gewünschten Kombination. So kann die Kamera sowohl bei erkannter Bewegung wie zeitgesteuert Bilder oder Videos machen, bei Tag in Farbe und in der Nacht monochrom, und es gibt eine Zeitsteuerung. Ich wollte bei Bewegung Videos machen und zeitgesteuert Fotos. Die Fotos für eine Zeitrafferaufnahme vom Baufortschritt sollten am Tag gemacht werden, der Bewegungsmelder sollte in der Nacht Videos aufnehmen. Prinzipiell kann die Kamera beides, aber die Funktionen lassen sich nicht kombinieren. Man kann nur entweder Fotos oder Videos machen, nicht beides und nicht konditional. Die zeitgesteuerte De-/Aktivierung des Geräts schaltet sämtliche Funktionen aus und ein … Aua!

Zeitraffer. Das die Funktion neu ist, zeigt sich in Babylon. Dem deutschen Wort “Zeitraffer” entspricht das englische “Time lapse” und die beiden sind das Gegenteil von der deutschen “Zeitlupe” und der englischen “Slow motion”. In der Menüführung der Kamera kommt ein Punkt “Set Timer Switch” vor, dessen Beschreibung im Manual das Stichwort “Time lapse” enthält. Diese Funktion hat allerdings fast nichts mit Zeitrafferaufnahmen zu tun, außer, dass diese diese durch konsequent zeitgesteuerte Abschaltung des Geräts sabotiert. Diese Einstellungen dürfen nicht mit der zum Bewegungssensor gehörigen “Set PIR Triggering Interval” verwechselt werden. Die für Zeitraffer notwendigen zeitgesteuerten Aufnahmen verbergen sich hinter der Funktion “Set Timer Triggering Interval” und funktionieren parallel zum Bewegungsmelder nur, während das Gerät nicht im time lapse schlummert. Ähm!?

Blitz. Der “Set Flash Range” erlaubt zwei Einstellungen. Auf der Dörr Website ist das Kameramodell nicht erwähnt, daher gibt es kein Aussagen dazu. Auf der Wildkamera Website steht etwas von zwei Stufen und 12m bis optimaler Weise 20m. Die beiden Aussagenteile haben keinen Bezug zueinander! In der Anleitung steht 12m bis 15m. Im Menü kann man zwischen 8m und 15m wählen. Klar!?

Stromversorgung. Vorgesehen sind 8 AA Batterien. Angeblich genügen auch 4. Es gibt die Möglichkeit, von unten eine externe 6V Stromversorgung anzustecken, auch bei geschlossenem Gehäuse. Weder Batterien noch Netzteil werden mitgeliefert.

SD Karte. Auf der Dörr Website ist das Kameramodell nicht erwähnt, daher gibt es kein Aussagen dazu. Auf der Wildkamera Website steht 16GB. In Handbuch steht 8MB bis 8GB. Das abladen aller Medien, egal ob zeit- oder bewegungsgesteuert, auf einem Haufen (Folder) in der SD Karte erfordert eine manuelle Trennung. Wie dem auch sein, es ist jedenfalls keine SD Karte mitgeliefert. Naja!?

Firmware. Im Handbuch ist erwähnt, dass Firmware upgrades möglich sind. Woher man die bekommt und wie das funktioniert bleibt ein Geheimnis.

USB und TV. Diese beiden Anschlüsse habe ich noch nicht verwendet. Keiner von beiden ist bei geschlossenem Gerät erreichbar. Meine Idee, die Kamera im geschlossenen Zustand mit externer Kontroll auszurichten, ist damit passe. Immerhin, beide Kabel sind mitgeliefert.

Lichtblick. Der erste Versuch hat qualitativ hochwertige Fotos ergeben. Was beruhigt und hoffen lässt.

5 Responses to “Dörr SnapShot PRO aka Boly SG560P”

  1. Daniela Says:

    Danke für die detaillierte Kaufanalyse. Suche selber grade so ein Ding und stecke im selben Dschungel den Du beschrieben hast. Habe auch das selbe Model im Focus. Die gute Beschreibung hat mir geholfen. Danke + Grüße Daniela (die die Kamera für Wildbeobachtungen -keine Jagd!- haben will).

  2. Thomas Lotterer Says:

    Die Kamera hat sich mittlerweile im Praxiseinsatz bewährt. Die Bildqualität ist erstaunlich gut. Immerhin zeigt man nur in die gewünschte Richtung ohne Zoom und Fokus. Die Aufnahmen sind erstaunlich gut. Auch die Nachtausleuchtung und IR Aufnahmen sind gut.

  3. Hagen Says:

    Habe sie inzwischen auch erworben – für Überwachungsaufgaben.
    Im Vergleich zu was für Bildern findet Ihr die Bildqualität erstaunlich gut?
    Ich bin enttäuscht von der Qualität – kein einziges Bild ist wirklich scharf.
    Ist das Normal, oder liegts an meinem Modell?

  4. Doc Says:

    Ich betreibe inzwischen selber eine HP für Wildkameras, aber nicht mal ich hätte das so schön schreiben können wie Du. Danke dafür. :)

  5. Peter Hurzel Says:

    Besten Dank für den ausführlichen Bericht!

    Wirklich wahnsinnig gute Kamera. Nicht ganz Billig aber Made in Germany oder zumindest Design in Germany das kostet halt ein wenig. Im vergleich zu den ganzen China Teilen die im Internet vertrieben werden aber grundsolide Technik.
    wie sieht das mit den Fehlauslösungen aus? Können Sie dazu etwas sagen?

    Schönen Abend

    Grüße aus NRW

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