60 Euro für Nachbars Auto

2009-04-08 by Thomas Lotterer

Haben Sie Ihrem Nachbarn schon die EUR 60,90 für sein neues Auto gegeben? Die Abwrackprämie bezahlt jeder Deutsche, vom Baby bis zum Greis, daher werden Ernährer einer Familie gleich mehrfach zur Kasse gebeten.

Die Bundesregierung hat am 8. April 2009 das Fördervolumen von bisher 1,5 Milliarden um 3,5 Milliarden auf 5 Milliarden Euro aufgestockt. Offensichtlich ist der Konjunkturimpuls so groß, dass man mit vollen Händen dem bisherigen Geld gleich noch mehr als doppelt so viel hinterher wirft. Im Programm eines lokalen Radiosenders habe ich gehört, dass schon 1,2 Millionen Anträge auf die EUR 2500,- Umweltpräme vorliegen und das derzeit 6000 Anträge täglich bearbeitet werden.

Grund genug für eine grobe Rechnung, auf neudeutsch back-of-the-envelope calculation, um das Ausmass für uns alle zu beleuchten.

Mathematisch ist die Rechnung einfach. Stand heute ist 1,2 Mio. * EUR 2500,- = EUR 3 Mrd. / 82,1 Mio. Bürger = 36,50 EUR/Bürger. Im Endstadium sind es dann EUR 5 Mrd. / 82,1 Mio. Bürger = 60,90 EUR/Bürger. Jeder Deutsche hat diesen Betrag aufzubringen, damit sich maximal EUR 5 Mrd. / EUR 2500,- = 2 Mio. Bürger = 2,44% aller Deutschen ein neues Auto kaufen können.

Wobei die armen Käufer ihrem Händler zunächst den vollen Preis bezahlen müssen und erst später von der Bundesregierung die 2500 Euro Umweltprämie erstattet bekommen. Derzeit dauert das rechnerisch 1,2 Mio. Anträge / 6000 Anträge/Werktag bei 22 Werktagen/Monat = gute 9 Monate. Bei 2 Mio. Anträgen sind’s dann über 14 Monate, die letzten Antragsteller müssen sich bis Mitte 2010 auf den Geldsegen gedulden.

Wirtschaftlich rund wird die Sache, wenn vorher noch ein Gesetz verabschiedet werden kann, welches der Agentur für Arbeit die zwangsweise Vermittlung freier Arbeitszeitkapazitäten von Kurzarbeitern zur Bearbeitung von Anträgen für die Umweltprämie ermöglicht. Dann schließt sich der Kreis und wir haben ein Wirtschafts-Perpetuum Mobile errichtet.

Aus Steuersicht kann man obige Gleichungen auch anders berechnen. Der Staat hat schließlich nichts zu verschenken. Ab einem KFZ Kaufpreis von EUR 13157,89 ist das auch nicht notwendig. Denn bei diesem Nettopreis sind bei 19% Mehrwertsteuer exakt EUR 2500,- enthalten. Bis zu diesem Kaufpreis muss die Bundesregierung tatsächlich etwas verschenken. Nach Überschreitung dieses Break even sind lediglich die Einnahmen aus der MWSt. reduziert. Das dürfte Politikern, die uns unglaubliche Begriffe wie “sinkende Neuverschuldung” als Erfolge unterjubeln wollen, doch schon sehr nach Überschreiten der Gewinnschwelle klingen.

Leider gibt es kein Perpetuum Mobile und man kann das Geld als fehlende Einnahme oder zusätzliche Ausgabe deklarieren – so oder so fehlt es irgendwo. Schlimmer noch. Mit dem Geld wird kurzfristig die Automobilbranche angekurbelt. Dazu werden Käuferreserven mobilisiert, die dem Neuwagenmarkt in der Zeit nach der bis zum 31. Dezember 2009 befristeten Aktion fehlen werden. Eine lange Dürre kommt da auf uns zu. Profitiert haben zwar deutsche Händer, aber hauptsächlich mit ausländischen Produkten. Denn die 2500 Euro machen sich nun mal primär im Klein(st)wagensegment bemerkbar und wer da den ADAC Autokatalog nach Modellen unter 10000 Euro durchsucht, findet kaum ein deutsches Fabrikat.

Unsere Politiker haben hier wieder einmal nicht weiter gedacht, als sie schauen können. Und wer zahlt die Zeche?

One Response to “60 Euro für Nachbars Auto”

  1. Sebastian Says:

    Super Post! Ich bin ja auch der Meinung, dass man die Autoindustrie zu weit foerdert. Lustigerweise koennte man mit dem Geld wohl 100.000 Mittelstaendler unterstuetzen und so langfristig Werte schaffen als eine gebeutelte Industrie vorm Untergang zu retten.

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